Handwerk in der City: Goldener Boden?

Handwerk vor Ort zu erleben, kann Kund*innen und Nachwuchs werben. Vorteile der City-Lage bringen für einige Gewerke auch Herausforderungen mit sich.
Schrauben, schmieden oder schneiden und föhnen – 110 Handwerksbetriebe gibt es in der City. Dazu zählt „Das Rad“ am Brüderweg, das im September das Siegel für Ausbildungsqualität der Handwerkskammer erhielt. © Stephan Schütze
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Der Hansemarkt von Mittwoch, 1. November, bis Sonntag, 5. November, bringt an vielen Ständen das traditionelle Handwerk zurück in die City. Die Stände bieten damit nicht nur einen Einblick in vergangene Zeiten und lassen Altes für kurze Zeit wieder lebendig werden. Sie weisen damit auch auf die grundsätzliche Bedeutung des Handwerks im Zentrum bis heute hin. In den aufstrebenden Städten des Mittelalters spielten Handwerker*innen eine zentrale Rolle, da sie die Gebrauchsgüter und Dienstleistungen für den täglichen Bedarf produzierten. Das waren zum Beispiel Nahrung, Kleidung, Tonwaren und Waffen. Für das mittelalterliche Dortmund gibt es innerhalb des Wallrings vor allem Spuren zweier Gewerke.

„Der Name Gerberstraße deutete bereits darauf hin, dass sich bei Ausgrabungen dort entsprechende Hinweise auf Lederwerkstätten finden würden“, erklärt Stadtarchäologe Ingmar Luther. „Wir konnten sehr viele Halbfertigprodukte bergen, also Produkte, die später noch weiterverarbeitet werden sollten, zum Beispiel dünne Schnürriemen. Aber auch Rinder- oder Ziegenhörner, die typisch sind für Abfallgruben von Gerbereien“ (zum Interview mit Ingmar Luther). Bis auf einige Funde am Eisenmarkt konzentrieren sich die Nachweise für das Lederhandwerk auf den Bereich Gerberstraße/Burgwall. Anders ist es mit der Buntmetallverarbeitung, also der Verarbeitung von Nichteisenmetallen wie Kupfer, Blei, Zinn oder Zink. Funde von Ofen- und Tiegelresten sowie Bleisilikatschlacken gab es am Friedensplatz, am Adlerturm und an der Silberstraße. Ungewöhnlich ist das Vorkommen der beiden Gewerke innerhalb der Dortmunder Stadtmauern. Denn beide brachten eine extreme Geruchsbelästigung mit sich und waren daher oft vor den Toren einer Stadt ansässig. Heute sind es 110 moderne Handwerksbetriebe, die ihren Sitz innerhalb des Wallrings haben. Besonders häufig vertreten sind die sogenannten körpernahen Dienstleistungsgewerbe wie Friseurbetriebe und Kosmetikstudios. Auch Augenoptik, Änderungsschneidereien sowie Gold- und Silberschmieden sind vorhanden, sowie auch einige überraschendere Gewerke.

 

Für das Handwerk ist die Innenstadt ein attraktiver Standort. „Dadurch erhöht sich die Sichtbarkeit für Kunden, man erreicht die Laufkundschaft und potenzielle Fachkräfte“, sagt Olesja Mouelhi-Ort von der Handwerkskammer Dortmund. Warum gibt es in der City dann nicht noch mehr Betriebe? In ganz Dortmund sind es insgesamt immerhin über 4.000, in der Innenstadt dagegen nur knapp über 100. „Die Stadtzentren, die vor allem auf den Handel ausgerichtet sind, machen derzeit einen tiefgreifenden Strukturwandel durch, der durch die Corona-Pandemie beschleunigt wurde“, erklärt die HWK-Geschäftsführerin Wirtschaftsförderung, Berufsbildungspolitik und Kommunikation. „Grund ist unter anderem ein verändertes Konsumverhalten. Von ihm profitieren große Shopping-Center und der Online-Handel. Verlierer sind die Lauflagen in der City.“ Dadurch habe diese an Angebotsvielfalt und -dichte eingebüßt. Die Folgen seien Leerstand und nachlassende Attraktivität. Wenn als Konsequenz nun die Mieten sinken würden, könnte das eine Chance für das Handwerk sein – zumindest für bestimmte Bereiche. Auch gelockerte behördliche Auflagen und eine Reduzierung des bürokratischen Aufwands könnten dazu beitragen, dass Betriebe ihren Standort in der City suchen oder erhalten.

Für und Wider der City-Lage

Denn es gibt weitere Herausforderungen einer Innenstadtlage für das Handwerk: Mangel an geeigneten Flächen für bestimmte Gewerke, Konflikte mit Anwohner*innen wegen möglicher Lärmbelästigung, teils knappe Fläche zum Lagern und eventuell fehlende Park- und Anliefermöglichkeiten im direkten Umfeld. Für einige Branchen sind zudem große Veranstaltungen, darunter auch Demonstrationen oder Kundgebungen, problematisch. „In diesem Jahr hatten wir bis zum Mai 14 Ankündigungen von Großveranstaltungen. An den Tagen konnten wir das Geschäft vergessen“, berichtet Frank Kulig. „Die Leute lesen von einer Demo oder einem Streik und fahren an dem Tag nicht in die Innenstadt.“

 

Der 66-Jährige betreibt in zweiter Generation ein Friseurgeschäft, erst am Westenhellweg, inzwischen in der Balkenstraße. Als Obermeister der Friseurinnung und „Kind der Innenstadt“ kennt er die Entwicklungen genau – und hat viele Kolleg*innen ihren Standort in der City verlassen sehen. Angesichts gestiegener Lohn-, Energie- und Mietkosten gehöre schon Mut dazu, sich heute in der Innenstadt selbstständig zu machen, sagt er. Dabei komme aber eine junge Generation nach, die tolle Ideen habe. „Nur muss es auch finanzierbar sein“, betont Kulig.

Generell fehlt es dem Handwerk an Nachwuchs. Eine Umfrage der Handwerkskammer ergab, dass über 50 Prozent der Betriebe offene Stellen nicht mehr besetzen können. „Der Fachkräftemangel bremst das Handwerk auch in Dortmund zunehmend aus“, berichtet Olesja Mouelhi-Ort. Mehr Sichtbarkeit könnte hier Abhilfe schaffen. „Eine stärkere Präsenz von produzierenden Handwerksbetrieben in der City könnte dazu beitragen, dass junge Menschen Handwerk hautnah erleben und als echte Berufsperspektive entdecken.“ Schließlich seien sie es, die sich für Klimaschutz und Nachhaltigkeit einsetzen – Ziele, die ohne Handwerker*innen nicht zu erreichen sind: „Ohne Handwerk kein Smart Home, keine erneuerbaren Energien, keine Wärmedämmung“, sagt Mouelhi-Ort. Leerstände in der City könnten etwa zu Showrooms werden, in denen die Handwerke sich auch in ihrer beratenden Funktion präsentieren, vernetzen und somit ihre Sichtbarkeit erhöhen.

Keine Nachwuchssorgen hat derzeit Das Rad. Das Fahrradspezialgeschäft mit angeschlossener Werkstatt bildet aktuell zwei Zweiradmechatroniker aus. Im September erhielt der Betrieb von der Handwerkskammer Dortmund das Siegel für Ausbildungsqualität. Geschäftsführer Matthias Mühr sieht die Auszeichnung als Anerkennung für das gute Arbeitsklima und die erkennbare Ausbildungsstruktur: „Die Auszubildenden sind natürlich in das Geschäft eingebunden und lernen direkt am Objekt.“ Auch Mühr nimmt wahr, dass die City sich verändert. „Ich glaube, dass wir als Werkstattbetrieb zu einer gewissen Frequenz beitragen, weil Menschen mit ihrem Fahrrad zu uns kommen, die sonst vielleicht nicht hierhin gekommen wären.“

„Ohne Handwerk geht es nicht“

Das Handwerk künftig wieder als Anziehungspunkt für eine starke, vielfältige City – und umgekehrt. Handel und Handwerk beleben sich gegenseitig. So sieht es auch Olesja Mouelhi-Ort: „Ohne Handwerk geht es nicht. Handwerksbetriebe halten auch in der City den Arbeits- und Ausbildungsmarkt stabil und sorgen für eine lebens- und liebenswerte Innenstadt.“

EIN BREITES SPEKTRUM

Handwerk in der City – das umfasst ein breiteres Spektrum als etwa die 29 Friseursalons, sechs Änderungsschneidereien und sechs Kosmetikstudios, die die Handwerksrolle der Handwerkskammer innerhalb des Dortmunder Wallrings listet. Auch einige „handfestere“ Handwerke, die auf den ersten Blick weniger typisch für eine Innenstadt zu sein scheinen, sind unter den aktuell 110 Betrieben im Stadtkern vertreten.

 

 Beispiele für weitere Gewerke in der City:

 

  • Bestattungen

 

• Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerei

 

  • Bodenlegerei

 

• Installation und Heizungsbau

 

  • Büchsenmacherei

 

• Maurer- und Betonhandwerk

 

  • Eisenflechterei

 

• Rohr- und Kanalreinigung

 

  • Elektrotechnik

 

• Zweiradmechanik

 

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